Review: „Was zu dir gehört“

Ich gebe es ja zu, ich war noch nie in Sofia. Dementsprechend weiß ich nicht viel über die Stadt, die Menschen, ihre Gepflogenheiten oder gar ihre Lebensumstände.

Doch eins weiß ich ganz sicher und habe es auch schon am eigenen Leib erlebt: Wenn zwei Welten aufeinander prallen, dann werden oftmals Naturgewalten freigesetzt. Vor allem, wenn sich die Menschen, die im Grunde verschieden sind, zueinander hingezogen fühlen. Dann sind normale Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt. Menschen, die nicht die gleiche Sprache sprechen, verstehen sich ohne Worte. Gesellschaftliche Unterschiede treten in den Hintergrund, solange man sich von der Außenwelt absondert. Aus diesem Grund – und aus zahlreichen weiteren – ist mir das Buch „Was zu dir gehört“ ans Herz gewachsen.

Doch worum geht es in dem Buch genau? Das will ich euch in aller Kürze einmal schildern:

Der Ich-Erzähler, der im Roman keinen Namen bekommt, ist ein amerikanischer Literatur-Dozent, der auf einer öffentlichen Toilette in der Hauptstadt Bulgariens den Stricher Mitko kennenlernt. Kurze Zeit später entspinnt sich eine intime Beziehung, die man wohl alles andere als ausgeglichen nennen kann. Während der Ich-Erzähler offenbar echte Gefühle entwickelt, scheint das Bett desselben für Mitko lediglich eine Zwischenstation zu sein – auch wenn er immer wieder behauptet, dass auch für ihn eine Art Freundschaft besteht.

Die beiden treffen von Zeit zu Zeit, haben Sex gegen Bezahlung und ohne, unterhalten sich und verbringen einfach Zeit miteinander. Dennoch liegt über ihrer Beziehung eine dunkle Wolke, die all das später zerstören soll. Denn während der Ich-Erzähler Mitko treu bleibt, geht Mitko selbst seiner „Arbeit“ als Stricher nach. Mit fatalen Folgen, denn dieser erkrankt an Syphilis. Für den Ich-Erzähler eine niederschmetternde Diagnose, muss er doch einerseits befürchten, Mitko an die Krankheit zu verlieren und anderseits, sich selbst angesteckt zu haben.

Was zunächst wie eine Liebesgeschichte klingt, ist in Wirklichkeit keine. Denn das Buch handelt nicht nur von diesem Hochgefühl, sondern auch von Scham, Reue, Ratlosigkeit und Verlorenheit – beim Ich-Erzähler. Er verarbeitet in einem langen Prozess seine Erlebnisse, die er mit Mitko macht, seine Kindheit sowie seine Entdeckung in früher Kindheit, dass er schwul ist. So erinnert er sich an seinen besten Freund K., mit dem er seine ersten gleichgeschlechtlichen Erfahrungen sammelte, und an seinen Vater, der ihn aufgrund seiner sexuellen Neigung schon früh ausgestoßen hatte.

Meine Gedanken

Dieser Roman, der ganz klar als ein autobiografisches Stück zu erkennen ist, hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Die Geschichte ist originell – wie könnte sie das auch nicht sein – und zeigt dem Leser sofort auf, dass die Welt eben nicht nur Eitel Sonnenschein ist, dass die Ereignisse in einem Leben oftmals nicht vorbestimmt und auch nicht steuerbar sind.

So rief das Buch an vielen Stellen eine sehr grüblerische Seite in mir hervor. Ich fragte mich oft, wie ich wohl reagieren würde, wäre ich in einer solchen Situation. Da ist zum Beispiel das Wiedersehen nach einer Auseinandersetzung zwischen den beiden, die dem Ich-Erzähler aufgezeigt hat, wie gefährlich Mitko sein kann und ihn mit einer Angst zurückgelassen hat. Und doch empfängt er den Stricher schon kurze Zeit später wieder in seiner Wohnung, ganz bereitwillig und vor allem mit einer gewissen Freude.

Als es klopfte, schnell und fest, war ich nicht überrascht. (…) Er hat nicht unten an der Haustür geklingelt, was mich vorgewarnt und mir etwas Zeit gegeben hätte, mich auf ihn einzustellen; (…) All das wäre nicht nötig gewesen; ich hätte den Summer so schnell betätigt, wie ich jetzt die Wohnungstür öffnete, ohne auch nur die Abdeckung des Spions zur Seite zu schieben, (…).

An Stellen wie diesen wird ganz deutlich, wie hin und her gerissen der Ich-Erzähler ist. Einerseits will er sich endlich von Mitko lossagen will, da er ihm ja doch nur ein ums andere Mal Gefallen abringt. Andererseits genießt er seine Gegenwart und kommt aufgrund seiner Gefühle nicht umhin, sich um den bulgarischen jungen Mann Gedanken und Sorgen zu machen.

Immer wieder zweifelte ich an den Entscheidungen des Ich-Erzählers, musste aber in den meisten Fällen feststellen, dass es wahrscheinlich eben nicht so einfach ist. Vor allem wenn Liebe – oder zumindest die Vorstellung davon – im Spiel ist. Dementsprechend stimmte ich ihm an vielen Stellen schlussendlich zu. Vor allem auch, weil ich selbst hoffte, Mitko auf den Folgeseiten wieder zu treffen. Denn der Bulgare war mir schnell ans Herz gewachsen.

Weiterhin musste ich feststellen, dass  ich mit dem Ich-Erzähler und an vielen Stellen auch mit Mitko mitgelitten habe. Denn beim Lesen wird deutlich, wie sehr beide in ihren Welten, die grundverschieden sind, gefangen sind. Sie können nicht daraus ausbrechen. Mitko ist und bleibt ein Stricher, weil er nichts anderes kennt – der Ich-Erzähler hingegen kommt aus einer Gesellschaftsschicht, in der es augenscheinlich keine Skandale gibt, und wenn ja, werden sie unter den Teppich gekehrt. Jedes Mal habe ich mir gewünscht, dass Mitko sich für den Ich-Erzähler und eine Welt ohne Sex gegen Bezahlung, Schlägereien, Drogen oder Obdachlosigkeit entscheidet. Doch jedes Mal enttäuschte er mich aufs neue. Nicht verwunderlich, glaubt er doch, nur in seiner Welt bestehen zu können.

Etwas anstrengend fand ich zu Beginn den Schreibstil. So ist das Buch durchzogen von Schachtelsätzen.

„All seiner Freundlichkeit zum Trotz schien er sich mir, während wir miteinander sprachen, auf geheimnisvolle Weise entzogen zu haben; je länger wir jedes erotische Ansinnen umgingen, desto finaler wirkte seine Unerreichbarkeit, nicht deshalb, weil er schön war (obwohl ich ihn schön fand), sondern aufgrund von etwas anderem, das noch hinderlicher war, eine Art körperliche Sicherheit oder Selbstverständlichkeit, die darauf hindeutete, dass ihm nagende Zweifel und Empfindlichkeiten in Bezug auf das Leben fremd waren.“

Zudem haben die meisten Charaktere keine Namen oder nur ein Initial, was den Lesefluss zu Beginn erheblich zum Stocken brachte.

„Ich hatte mein Abendessen mit C. vergessen, einem Freund, der ein Stockwerk über mir wohnte und ebenfalls am American College unterrichtete; er wollte mich abholen, um mit mir in ein Restaurant in der Nähe zu gehen.“

Doch schon nach ein paar Seiten hatte ich mich dran gewöhnt, da dieser Schreibstil dem Autor ja offensichtlich ganz eigen ist. Denn ich hatte diesen als das erkannt, was er ist. Der entscheidende Grund, warum das Buch für mich so authentisch wirkt.

Genossen habe ich hingegen die vielen Beschreibungen des Ich-Erzählers zur Landschaft und Umgebungen sowie die Erinnerungen an seinen Freund K. und seinen Vater.

„Ein Restaurant war nicht mit Brettern verschlagen, warum auch immer, und ich ging die paar Schritte zur Terrasse hoch, um durch die mit Salz und Sand verkrusteten Fenster nach innen zu schauen. Der Betrieb war offenbar auf Kinder ausgerichtet, neben dem Gastraum befand sich ein Spielzimmer mit überlebensgroßen Figuren aus amerikanischen Cartoons, die für einen Ritt mit Münzen gefüttert werden mussten.“

Die Zusammenkünfte zwischen ihm und Mitko waren indes immer mit so viel Gefühl geschrieben.

„Als ich mein Gesicht an seinen Nacken drückte und ihn einatmete, seinen Geruch, bitter von Schweiß und Alkohol, schien es mir unvorstellbar, unerträglich, dass seine Gestalt, der ich so nahe gekommen war, die ich mit meinem Mund und meinen Händen erkundet hatte, vergehen würde, sich einfach auflösen würde, dass sein Körper, den ich mochte, starb.“

Ich konnte mir alles bildlich vorstellen, was es mir absolut erleichterte, in die vertrackte Welt der beiden Charaktere einzutauchen.

Mein Fazit:

Scheut euch nicht davor, dieses Buch in die Hand zu nehmen und auf eine gemeinsame Reise mit zwei absolut verschiedenen Menschen zu gehen. Denn es wird euch durchrütteln, nachdenklich stimmen, aufjubeln lassen und gleich darauf wieder betrüben. Wer all das liebt und genießt, der macht mit diesem Buch nichts falsch.

Infos zum Buch:

„Was zu dir gehört“ (240 Seiten)
Garth Greenwell (Übersetzung: Daniel Schreiber)
Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2017

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