Review: „Im Herzen der Gewalt“

Mittlerweile kann ich nicht mehr genau sagen, was mich damals am meisten an dem Buch „Im Herzen der Gewalt“ angesprochen hat. War es der Titel oder das Cover, das zwar wenig preisgibt und dennoch aussagekräftig ist? Oder der Klappentext, der mir schnell verdeutlichte, dass meine Gefühle Achterbahn fahren werden?

Doch eine Sache weiß ich nun ganz genau: Und zwar, dass das, was ich beim Kauf des autobiographischen Romans fühlte, nichts im Vergleich zu dem war, als das, was ich während und nach der Lektüre empfunden habe.

Hilflosigkeit, Fassungslosigkeit, Schock, Trauer und Wut. Diese Wörter stellen nur einen Bruchteil der Gefühle dar, die in mir hoch kamen, während ich erfuhr, was Édouard Louis in jener Weihnachtsnacht widerfahren ist und wie ihm ein Stück weit die Freiheit genommen wurde.

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Klappentext:

Auf dem Pariser Place de la République, auf dem Weg nach Hause, begegnet Édouard in einer Dezembernacht einem jungen Mann. Eigentlich will er nach Hause, aber sie kommen ins Gespräch. Es ist schnell klar, es ist eine spontane Begegnung, Édouard nimmt ihn, Reda, mit in seine kleine Wohnung. Aber was als zarter Flirt beginnt, schlägt um in eine dramatische Nacht, an deren Ende Reda Édouard mit einer Waffe bedrohen wird.

In seinem autobiographischen Roman rekonstruiert Édouard Louis die Geschehnisse dieser Nacht, vom Kennenlernen bis zur Anzeige bei der Polizei. Indem er von Kindheit, Rassismus und Begehren erzählt, macht er unsichtbare Formen der Gewalt sichtbar. Ein Roman, der mitten ins Herz unserer Gegenwart zielt – politisch, mitreißend, hellwach.

Meinung:

Das Buch beginnt damit, dass ein verzweifelter und gleichzeitig überforderter Édouard Louis (Ich-Erzähler) versucht, seine Wohnung von den Hinweisen eines Menschen zu befreien, den er offensichtlich nicht mehr wiedersehen möchte (und vor dem er vielleicht sogar Angst hat). Zunächst wird nicht klar, um wen es sich handelt. Doch schon bald wird aufgeklärt, dass Reda gemeint ist, ein junger Mann, den Louis an einer Weihnachtsnacht auf der Straße kennen lernt und kurzerhand mit sich nach Hause nimmt. Ein Fehler, den er nach nur einer Liebesnacht schnell bereut, da Reda ihn nicht nur bestehlen, sondern auch umbringen will und ihn obendrein vergewaltigt.

Von dieser Anfangsszene – also dem frenetischen Reinigen der Wohnung – entspinnt sich eine Geschichte davon, was Édouard danach widerfahren ist. So geht er ins Krankenhaus und lässt sich auf eventuelle Krankheiten untersuchen. Zudem wagt er den Weg zur Polizei, um seine Aussage gegen Reda aufnehmen zu lassen.

Eine Schlüsselrolle im Roman spielt dabei die Schwester von Louis. Sie hat ihn nach den Vorfällen mit Reda bei sich aufgenommen, kann es aber nicht lassen, ihn belehren zu wollen, dass dieses Ereignis ihrer Meinung nach unausweichlich war. Das macht sie sehr deutlich, als sie die Geschichte ihrem Mann erzählt und der Ich-Erzähler hinter eine Tür lauscht. Absolut überzeichnet scheint die Darstellung der Schwester darauf abzuzielen, dass der Leser sie nicht mögen und noch größere Sympathie für den Ich-Erzähler entwickeln soll. Und das gelingt absolut.

Im Gegensatz dazu werden seine Freunde aus Paris so dargestellt und beschrieben, dass man sich automatisch auf ihre Seite schlägt. Sie sind verständnisvoll, scheinen den Ich-Erzähler über alles zu lieben und ihm helfen zu wollen. Er vertraut ihnen und sieht sie als Fels in der Brandung. Dadurch bilden auch sie eine Schlüsselrolle im Roman, da sie diejenigen sind, die ihn dazu bringen, zur Polizei zu gehen.

Wer nun allerdings denkt, dass der Roman eine bloße Abfolge von Ereignissen seit der Weihnachtsnacht ist, der wird lange danach suchen müssen. Denn Édouard Louis hat eine Schreibstil gewählt, in dem der Leser immer wieder in ganz unterschiedliche Situationen befördert wird. Zu Anfang ist diese Art der Erzählung sehr gewöhnungsbedürftig, da man sich nicht nur auf die Schwere der Geschichte selbst, sondern auch darauf konzentrieren muss, wo sich das Ganze zu einem bestimmten Zeitpunkt im Buch abspielt. Und damit meine ich nicht nur die zeitliche Einordnung, sondern auch die räumliche. Denn Louis springt von der Gegenwart in die Vergangenheit, wechselt auch immer wieder die Locations und befindet sich mal in seiner Wohnung, mal auf dem Polizeirevier und mal auf dem Lande bei seiner Schwester.

Alles in allem ist dieser permanente und unangekündigte Wechsel sehr gut gewählt. Denn er ist ein Ausdruck dessen, wie ohnmächtig und unfrei sich Édouard Louis in dieser Zeit gefühlt haben muss und wie er sein Leben in diesem Zeitraum wahrgenommen hat. Am besten lässt sich das wohl mit dem Begriff „innerlich zerrissen“ beschreiben. Denn das wird auf jeder Seite des Buches deutlich und prägt den Geist der Geschichte.

Was mich absolut beeindruckt hat ist die Tatsache, dass es der Autor geschafft hat, auf nur 224 Seiten einen emotionalen Einblick zu gewähren, was ein Vergewaltigungsopfer alles durchmachen muss. Ohne die Worte konkret zu hören, zeigt sich dem Leser der Abgrund auf, der sich nach einem solchen einschneidenden Erlebnis auftut. Denn seien wir mal ehrlich: Auch wenn Édouards Schwester ihm nach dem Vorfall wieder auf die Beine helfen will, so kommt sie nicht umhin, ihn zu beurteilen. Auch seine Freunde nehmen ihm jegliche Freiheit und schaffen es schließlich doch, den Ich-Erzähler in eine Unfreiheit zu drängen. Während er mit dem Thema abschließen will, sind sie diejenigen, die wollen, dass er Anzeige gegen Reda erstattet. Das Resultat: Die Beamten nehmen seine Aussage auf, verurteilen ihn scheinbar still und heimlich und dringen zu allem Überfluss auch noch in seine Wohnung ein, um vergeblich auf Spurensuche zu gehen.

Alles in allem ist „Im Herzen der Gewalt“ ein aufrüttelnder, erschütternder Roman, der für solche Geschehnisse und die damit verbundenen Gefühle sensibilisieren möchte. Für mich ein wortgewaltiges und herausforderndes Spektakel. Ich kann das Buch nur jedem ans Herz legen, der ein besseres Verständnis für die Mechanismen in der Gesellschaft bekommen möchte und der autobiographische Bücher lesen will.

Fakten zum Buch:

Titel: „Im Herzen der Gewalt“ | Autor: Édouard Louis | Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag: S. Fischer, Frankfurt a. Main | Erscheinungstermin: 24.08.2017 | Seitenzahl: 224 Seiten
ISBN:978-3-10-397242-9 | Preis: 20,00 Euro (Hardcover)

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