Review: „Zero at the Bone“

Ein Auftragskiller, der innerlich kaputt ist und durch seinen Seelenpartner wieder den Weg ins Leben findet? Als ich las, worum es bei „Zero at the Bone“ ging, war ich sofort Feuer und Flamme. Denn ich bin ganz ehrlich: Ich stehe auf Männer (und Frauen), die wie Atlas die ganze Last der Welt auf ihren Schultern tragen, die ihren weichen inneren Kern unter einem Panzer versteckt halten und diesen niemandem zeigen. Bis sie dann endlich auf DEN einen Menschen treffen.

All das verkörpert D, der tragische Held dieses Buches. Und ich kann euch sagen, dieser Charakter schafft es, dem Roman von Jane Seville Leben einzuhauchen und ihm die nötige Tiefe zu geben.

Klappentext:

Nachdem er Augenzeuge eines Mafia-Mordes geworden ist, wird Chirurg Jack Francisco ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen und an einen sicheren Ort gebracht, bis es Zeit für ihn sein wird, vor Gericht auszusagen. Ein Profikiller, nur als D bekannt , wird durch Erpressung dazu gezwungen, Jack aufzuspüren und zu töten. Doch ein letzter Rest von Gewissen verbietet es D, einen unschuldigen Mann zu ermorden. Stattdessen geschieht das Unwahrscheinliche: Jack und D werden zu Verbündeten und sind bald schon gemeinsam auf der Flucht vor geheimnisvollen Feinden. Um zu überleben, müssen die beiden Männer zusammenarbeiten. Aus diesem Zwang heraus formt sich zwischen ihnen eine emotionale Bindung, die bald schon zu einer unerwarteten Leidenschaft heranreift. Jack sieht die verwundete Seele unter Ds kaltem, emotionslosem Äußeren, und D erkennt in Jack den einen Menschen, der ihm helfen kann, wieder zu dem Mann zu werden, der er einst war. Je näher sie dem Tag von Jacks Aussage vor Gericht kommen, desto klarer erkennen Jack und D, dass sie nicht nur um ihr Leben kämpfen, sondern auch um ihre Zukunft… ihre gemeinsame Zukunft.

Meinung:

Für die meisten wird „Zero at the Bone“ eine ganz typische „M/M romance“ sein, in der sich zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, verschiedene Herausforderungen meistern und dann ein Happy Ever After bekommen. Dem würde ich grundsätzlich zustimmen, wäre da nicht D. Er ist so anders als die sonstigen männlichen Charaktere in „M/M romances“, so vielschichtig, kompliziert und innerlich zerrissen. Zu allem Überfluss ist er auch ein absoluter Badass-Charakter. Und auf eine absurde, verdrehte Weise gefällt mir, dass es D gibt und dass ich ihn im Buch kennen lernen durfte.

Außerdem geht dieses Buch über normalerweise typische Schemata einer „M/M romance“ hinaus. Bei „Zero at the Bone“ gibt es mehrere wichtige Handlungsorte und weitere Charaktere, die essenziell für die Story sind. So zum Beispiel Churchill, Jacks Kontaktmann beim FBI, der alles daran setzt, Jack in Sicherheit zu bringen. Oder X (Megan), die wie ein Schutzengel über D wacht und ihm von Zeit zu Zeit den Kopf bezüglich seiner Gefühle für Jack wäscht. Das hat mir besonders gefallen. Denn wenn es eins gibt, was mich anödet, dann ist das eine Buchstory an nur einem Ort mit nur zwei Charakteren unter Ausschluss der Öffentlichkeit und des realen Lebens.

Doch nun mal zu meinem persönlichen Helden dieses Buches: Zunächst erscheint D als gewöhnlicher (aber effizienter) Killer, der für Geld jeden Auftrag annimmt und Menschen um die Ecke bringt. Doch schnell stellt sich raus, dass er mit dieser Situation nicht im Reinen ist. Vielmehr hat D schon seit langem dem normalen Leben abgeschworen. Er pflegt keine sozialen Kontakte, erlaubt sich nicht zu lachen und verbietet sich jegliche Gefühle, die ihn überhaupt zum Menschen machen. Auch Sex schließt er aus seinem Leben aus.

He didn’t like to think about how far gone he was into the abyss that even the humanness of lust was now foreign to him.

Mir hat es jedes Mal schier das Herz gebrochen, wenn ich einen Einblick in seine Psyche und sein Leben erhalten habe. Vor allem dann, wenn seine Gefühle dennoch versuchen, sich einen Weg an die Oberfläche zu bahnen und D dadurch hilflos erscheinen lassen.

Supposedly such things had been trained out of him, but his rusty emotional core still sent up the occasional signal flare.

Insgesamt erfährt man zunächst wenig über D. Körperlich ist er fit, hat kurz geschorene Haare und braune Augen. Was seine Geschichte angeht, wird man ebenfalls im Dunkeln gelassen. Immerhin wird gesagt, dass er 36 Jahre alt ist. Und ich kann sagen: Das wird auch in jedem Satz deutlich, der Bezug auf die Figur D nimmt. Seinem Verhalten nach zu urteilen habe ich ihn zunächst auf Mitte 40 geschätzt. Doch während der Lektüre sagte mir mein Kopf immer wieder, dass er Mitte 30 ist, sich aber aufgrund seiner Erfahrungen und Erlebnisse wesentlich älter verhält. Insgesamt machte mich das sehr traurig, zeigt es doch, welche Last D auf seinen Schultern trägt.

Kommen wir nun mal zu dem Faktor Jack. Eigentlich soll D ihn in Auftrag eines Klienten umbringen, obwohl er weiß, dass Jack unschuldig ist. D bringt es nicht über sich und entschließt sich deshalb, gemeinsam mit Jack vor denjenigen zu flüchten, die Jack tot sehen wollen und die D erpressen.

Jack ist derjenige, der D nach und nach zum reden bringt und ihm Geheimnisse entlockt, die ihn zu dem gemacht haben, was er zu Anfang des Buches ist. Jack scheint der Einzige zu sein, der es schafft, sich einen Weg in Ds augenscheinlich erkaltetes Herz zu bahnen. Er ist in der Lage, den Tresor in Ds Inneren aufzustemmen, in dem laut D all die hässlichen Ereignisse und damit verbundenen Emotionen eingesperrt sind. Ich habe jedes Mal die Pompons rausgeholt, wenn Jack es wieder mal hinbekommen hat, D dazu zu bringen, ein wenig Leben und Freude in sich hinein zu lassen.

Es war eine Wonne (ja, ich verwende dieses Wort), zu lesen, wie während der Flucht aus dem Auftragskiller D schlussendlich der Liebhaber und Mensch Anson Dane wird und das alles, weil Jack nicht nachgibt und in D mehr sieht als einen schlechten Menschen.

Die kurze Zeit in der Hütte, in der sie sich zunächst verstecken, ist vor allem für D gespickt mit Schlüsselmomenten. Denn nach seinen anfänglichen Abblockversuchen taut er immer mehr auf und beginnt, wenigstens ein paar menschliche Gefühle zuzulassen. Außerdem gehen er und Jack hier das erste Mal so richtig auf Tuchfühlung. Kein Wunder, auf so beengtem Raum. So halten sie auf der Couch das erste Mal Händchen, haben Sex und reden über Ds Vergangenheit. In diesen Momenten konnte ich regelrecht die Verbindung zwischen den beiden spüren, was dazu führte, dass ich fortwährend vergnügt vor mich hin quietschte und debil grinste.

Doch ist die gemeinsame Zeit in der Hütte und später im Haus seines Bruders für D alles andere als einfach. Denn er hinterfragt alles, zweifelt an sich selbst und kann eigentlich nicht glauben, dass auch ihm so ein Glück mal zuteil wird. Das kommt bei jedem Satz und jedem seiner Gedanken klar zum Vorschein. „Ich habe das/Jack nicht verdient!“ scheint sein Motto zu sein. Dabei wollte ich jedes Mal aufspringen, D schütteln und sagen: „Und ob du ein tolles Leben verdient hast! Mit Jack an deiner Seite. Denn Jack gehört zu den guten, vergiss das nicht.“

Unterstützt wird sein Zwiespalt noch durch die inneren Monologe von D. Diese finde ich richtig gut geschrieben, da man wirklich merkt, dass D schon lange keine sozialen Kontakte mehr hatte und oft mit sich selbst redet. Es verdeutlicht, wie tief er sein eigenes Selbst eigentlich vergraben hat.

Don’t do this. Don’t make him afraid a you. Ya don’t want him ta be afraid a you, do ya?No, a course I don’t, but it’d be better for both of is if he was.

Insgesamt weiß ich gar nicht, welche Version von D mir am besten gefällt. Ist es die grummelnde Variante, die Jack immer eine Armlänge erfolglos auf Abstand halten will? Oder doch eher die Version des Mannes, die Jack, der durch die Gegenspielerin Josey im finalen Show-down angeschossen wird und langsam zu verbluten droht, in den Armen hält und kurz davor ist, mit einer Waffe Jacks leiden zu beenden? Oder ist es der D, der Jack über alles liebt und sich diesem beim Sex nicht nur körperlich hingibt, sondern auch einen Blick in seine Seele preisgibt. Ich glaube es ist ein bisschen was von allem, denn nur durch die verschiedenen Facetten kann man D in Gänze kennen und lieben lernen.

Mein Fazit ist: Jane Seville ist es gelungen, D als einen komplexen Menschen darzustellen, der mysteriös, gefährlich, aber auch sympathisch und liebenswert erscheint. Und das in wirklich jeder Szene. Zudem finde ich die gesamte Komposition des Buches einfach klasse gestaltet. Ich habe jede Seite regelrecht mitgefiebert und gehofft, dass Jack und D ein Happy End erhalten und D irgendwann endlich wieder zu dem Menschen wird, der er einst war.

Wer also auf Action, Herzschmerz, zwei starke Charaktere und natürlich auch erotische Szenen steht, dem kann ich nur empfehlen, dieses Buch zu lesen.

Fakten zum Buch:

Titel: „Zero at the Bone“ | Autor: Jane Seville
Verlag: Dreamspinner Press, Tallahassee | Erscheinungstermin: 12.07.2016 | Seitenzahl: 406 Seiten
ISBN: 978-1-63477-203-7 | Preis: 15,92 Euro (Taschenbuch)

4 Gedanken zu „Review: „Zero at the Bone“

      1. wenn du vielleicht auch auf britische Thriller mit entsprechend schwarzen Humor stehst, empfehle ich dir wärmstens Mark Gatiss „The Vesuvius Club“ 😉

        Gefällt 1 Person

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