Review: „Ein wenig Leben“

Einen knapp Tausendseiter habe ich schon ewig nicht mehr gelesen. Deshalb war ich sofort Feuer und Flamme, als ich in der Buchhandlung auf „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara gestoßen bin. Der Name der Autorin selbst sagte mir nichts, aber als ich den Klappentext las und die Verkäuferin mir sagte, dass dieses Buch sehr anspruchsvoll ist, griff ich schnell zu.Vor allem das Thema einer lebenslangen Freundschaft sprach mich an. Denn ist so eine lange emotionale Bindung an andere Menschen nicht erstrebenswert? Ich wollte also mehr wissen über die Charaktere, wie sie lebten und liebten. Natürlich sprach mich auch die Tatsache an, dass es im Buch eben nicht nur um die schönen Seiten des Lebens geht. Doch war mir zu Beginn nicht bewusst, in welchen Sog ich geraten werde.

Klappentext

„Ein wenig Leben“ handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Der brillanteste und charismatischste von Ihnen ist Jude St. Francis, ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. „Ein wenig Leben“ ist eine Geschichte von Freundschaft als wahrer Liebe – ein mit kaum fasslicher Dringlichkeit und Schönheit erzähltes Epos, das sich ab dir dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und dabei immer wieder zum hellen Licht durchbricht.


Meinung

Positiv:

  • Die Ausarbeitung der Charaktere Jude und Willem: Wer könnte Jude und Willem nicht lieben? Diese beiden Protagonisten sind in vielfacher Hinsicht das wahre Herzstück dieses Buches. Ich habe mich schon auf den ersten Seiten in Jude St. Francis verliebt, da er so einen vielschichtigen Charakter hat. Auf der einen Seite hat er so viel zu geben und will seinen Freunden der bestmögliche Freund sind. Auf der anderen Seite hat er so viel durchgemacht und trotz seiner schrecklichen Erlebnisse – im Kloster, im Heim und auf der Straße – versucht er zu leben und sich nicht unterkriegen zu lassen. Willem ist also das fehlende Stück zu Judes ganzem Dasein zu sehen. Er ist rücksichtsvoll, immer positiv eingestimmt und hat für alles Verständnis. Vor allem für Judes Verschlossenheit, die er ihm nicht verübelt oder hinterfragt. Willems Freundschaft (und später seine Liebe) für Jude ist bedingungslos. Durch ihn lernt Jude endlich wieder, Vertrauen zu den Menschen zu fassen.
  • Die Verstrickung der Geschichten: Es ist einfach klasse, wie die Autorin mit Rückblenden arbeitet- So erfährt der Leser immer nur stückweise etwas über Jude und die anderen. Die Spannung bleibt lange erhalten. Außerdem finde ich es toll, dass sie einen Teil der Geschichte aus verschiedenen Sichtweisen schildert. Ein Beispiel ist der Tag, an dem Jude von dem Tod von Caleb (seinem gewaltätigen Ex-Freund) erfährt und einen kleinen Nervenzusammenbruch erleidet. Zunächst wird Judes Sichtweise bis zu dem Nervenzusammenbruch beschrieben, kurz darauf wird aus Willems Sicht geschrieben und gleichzeitig zeitlich früher angesetzt. Der Leser bekommt mit, dass nicht alle Charaktere alles mitbekommen und dementsprechend nur nach dem handeln können, was sie wahrnehmen. Da Willem zunächst nichts von Caleb weiß, kann er auf Judes Reaktion nicht angemessen reagieren. Es ist genauso, wie es im Leben immer ist.
  • Der Schreibstil: Eine herausfordernde Geschichte – die Geschichte von Jude, der in den ersten 15 Jahren seines Lebens nur benutzt wurde und durch Willem lernt, was es heißt, zu leben und zu lieben – braucht einen verworrenen und verzweigten Stile in Schreibe. Denn das Leben an sich ist nie geradlinig, sondern geht immer wieder Wege, von denen wir nicht einmal wussten, dass sie existieren. Und genau das spiegelt Yanagihara in der Art und Weise wider, wie sie Judes Geschichte erzählt. Am interessantesten fand ich die Teilkapitel, die aus Sicht von Harold (Judes Adoptivvater) verfasst wurden. Zunächst ist nicht klar, mit wem er redet. Doch sobald man zum Ende des Buches kommt, wird klar, dass es Briefe (oder zumindest) an Willem sind, der im Laufe der Geschichte stirbt und einen zerstörten Jude zurücklässt. Es wird sehr deutlich, wie groß Harolds Angst um Judes Leben ist und dass er ihn nicht an den Tod verlieren möchte, es aber tun muss, da Jude des Lebens überdrüssig ist.
  • Der Sprachstil: Hanya Yanagihara steht definitiv auf Schachtelsätze, das wird schon auf den ersten Seiten klar. Außerdem springt sie von Kapitel zu Kapitel zwischen den Charakteren hin und her. Hat man zu Beginn noch Schwierigkeiten, herauszufinden, wer denn nun der Erzähler ist, so hilft schon bald der Sprachstil. Denn jedem Charakter gibt die Autorin ganz bestimmte Eigenschaften. Jude ist immer melancholisch und nachdenklich in seinen Erzählungen gestimmt. Willem hingegen äußert seine Gedanken und beschreibt die Geschehnisse eher positiv. Er liebt das Leben und das kommt in der Art, wie er die Geschichte voran treibt, sehr gut rüber. Bei Harold hingegen hört man immer durch, wie hilflos er eigentlich ist, wenn es um seinen Adoptivsohn Jude geht, den er über alles liebt.
  • Die Länge des Buches: Ganz klar ein Pluspunkt…denn die Story zeigt eine sehr lange Zeitspanne von fast 40 Jahren. Das Buch beginnt mit Jude, Willem, Malcolm und JB, die rund 20 Jahre sind und endet mit Jude, der mittlerweile über 50 Jahre ist. So was kann man meines Erachtens nicht in ein Buch bekommen, dass nur 300 oder 500 Seiten hat. Klar ist es anstrengend sich durch so einen Wälzer durchzuarbeiten. Aber die Story und die Entwicklung der Protagonisten lassen es zu bzw. verlangen sogar danach, auf so vielen Seiten erzählt zu werden.

Negativ:

  • Judes Hintergrund: Zunächst einmal sollte ich sagen, dass ich Jude wirklich ins Herz geschlossen habe. Er ist ein starker Mensch, der versucht im Leben zu bestehen und seinen Weg zu finden. Viele Menschen können sich wahrlich eine Scheibe von ihm abschneiden. Doch war in meinen Augen die Hintergrundgeschichte ein wenig zu dick aufgetragen. Denn kann es denn wirklich sein, dass jemand so viel Pech im Leben hat und in seiner Jugend von (fast) allen Menschen schlecht behandelt wird? Und nicht nur das. (Fast) alle Menschen, denen er in seinen jungen Jahren begegnet, zwingen in zum Sex und brechen damit deinen Willen und in gewisser Weise seinen Verstand. Es hätte der Handlung und der Entwicklung der Geschichte nicht geschadet, ihm ein wenig Leid zu ersparen und seine Backstory ein bisschen weniger schlimm darzustellen.
  • Die Nebencharaktere: Während Willem und Jude – auch Harold, JB und Malcolm – echte Tiefe zeigen, bleiben viele Charaktere doch nur eindimensional und farblos. So gibt es Richard, Phaedra oder die Henry Youngs, die für die vier Protagonisten wichtig sind, aber eigentlich keine wirklichen Charakterzüge erhalten. Sie sind einfach da und dienen dazu, im Leben der Vier zu sein. Manchmal habe ich mich gefragt, ob es schlimm wäre, wenn man sie aus dem Buch streichen würde. Dabei wird sich die Autorin was dabei gedacht haben. Nur konnte ich nie richtig sehen, was es denn nun ist.

Mein Fazit

Ich kann dieses Buch nicht uneingeschränkt empfehlen. Der eine oder andere wird sich nun fragen, ob das Buch nicht lesenswert ist. Das kann ich zum Glück bejahen. Denn das Buch ist wirklich eine Goldgrube und regt zum Nachdenken an.

Aber genau das ist auch der Punkt, an dem ich einen großen Hinweis aussprechen muss. Denn das Buch ist sehr emotionsgeladen und definitiv nichts für schwache Nerven. Es zeigt die teilweise wirklich hässlichen Seiten des Lebens. Dazu gehören physischer und mentaler Missbrauch, Vergewaltigung, psychische Erkrankungen und ihre Folgen, der Verlust einer Liebe, Depression und Lebensmüdigkeit.

Alles nicht so einfach wegzustecken. Um ehrlich zu sein musste ich mehr als einmal das Buch weglegen, die Tränen wegwischen und tief durchatmen, um das alles zu verarbeiten.

Was ich sagen möchte: Lest das Buch! Aber seit euch bewusst, dass Happy Endings nicht immer zwei sich liebende Menschen sind, die gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten. Auch nach gesellschaftlichen Normen abseitige Entscheidungen – wie ein Selbstmord oder das Vortäuschen von Leben – können dazu führen, es Menschen gut gehen kann. Jude und Willem sind der Beweis dafür.


Fakten zum Buch

Titel: „Ein wenig Leben“ | Autor: Hanya Yanagihara
Verlag: Hanser Literaturverlage, München | Erscheinungstermin: 30.01.2017 | Seitenzahl: 960 Seiten
ISBN: 978-3-446-25471-8 | Preis: 28,00 Euro (gebundene Ausgabe)

2 Gedanken zu „Review: „Ein wenig Leben“

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