Kritik zum Film „Mario“

Viele kennen vielleicht den Film „Freier Fall“ mit Max Riemelt und Hanno Kofler. Darin geht es um zwei Polizisten, die sich ineinander verlieben. Während der eine seine Sexualität offen auslebt, muss der andere erst mit sich ins Reine kommen und herausfinden, was er wirklich will. Das Chaos ist also vorprogrammiert.

Ähnliches widerfährt den Protagonisten auch in dem Film „Mario“. Da ich ihn leider noch nicht gesehen habe, meine liebe Freundin Nina Bilinszki (Autoren der Bücher „At Your Side“ und „Hold you Close“) allerdings schon, hat sie sich bereit erklärt, eine Gastkritik zu schreiben.

Cover zu „Mario“; Foto: PRO FUN MEDIA

Gastbeitrag von Nina Bilinszki

Was habe ich mich auf diesen Film gefreut. Endlich mal ein Film, der das Tabu der schwulen Fußballer bricht, der jungen, ebenfalls betroffenen Fußballern einen Weg ebnen kann und Vorurteile aus dem Weg räumt, die besonders schwulen Fußballern noch immer anhaften. Denn ich glaube, in kaum einem anderen Sport in Europa werden LGBTI+ Personen weniger akzeptiert als im Männerfußball. Ich glaube, ich bin einfach mit zu hohen Erwartungen an diesen Film gegangen, denn am Ende konnte er mich nicht vollständig überzeugen.


Handlung

In „Mario“ geht es um den Fußballspieler Mario, der in der U 21 der BSC Young Boys spielt und davon träumt, in der kommenden Saison zu den Profis aufzusteigen. Angetrieben wird er von einem sehr ehrgeizigen (und konservativen) Vater, der seinem Sohnemann auch gleich einen Berater an die Seite stellt. Mario denkt, er ist im Sturm gesetzt, doch dann holt der Verein einen weiteren Stürmer aus Hannover dazu, der die Konkurrenz etwas erhöhen soll: Leon. Leon wird von Anfang an von den Mannschaftskollegen nicht gut aufgenommen, nur Mario hält sich mit den Anfeindungen zurück. Um sich gegenseitig besser kennenzulernen und helfen zu können, schlägt der Verein vor, dass Mario und Leon zusammenziehen sollen. Dort kommen sie sich recht bald näher und wirken glücklich zusammen, bis sie beim Trainingslager von jemandem beim Küssen erwischt werden und Fotos davon in Umlauf geraten. Der Verein und Marios Berater drängen darauf, dass die beiden ihre Beziehung geheim halten und jegliche Gerüchte verneinen sollen. Während Mario das macht und sogar seine beste Freundin als Alibi-Freundin missbraucht, kommt Leon mit der Situation nicht klar. Ihm ist die Beziehung zu Mario wichtiger als der Fußball. Marios Verleumdungen verletzen Leon so sehr, dass er keinen anderen Ausweg mehr sieht, als die Schweiz zu verlassen und nach Hamburg zu ziehen. Obwohl Mario einen Profivertrag in Bern bekommen könnte, verlässt er die Schweiz ebenfalls und unterschreibt einen Vertrag bei St. Pauli. Er versucht in Hamburg noch einmal mit Leon zu reden, doch dieser lässt ihn abblitzen und als Leons neuer Freund hinzukommt, gibt Mario sich geschlagen und geht.


Meinung

Ehrlich gesagt bin ich bei diesem Film etwas zwiegespalten. Die Schauspieler, die Mario und Leon dargestellt haben, konnten mich völlig überzeugen. Sowohl Marios Zerrissenheit als auch Leons Schmerz wurden gut rübergebracht. Ich weiß bis heute nicht, ob es wirklich Marios Wunsch war, die Karriere über sein Glück zu stellen, oder ob er sich einfach nicht den Worten seines Vaters und seines Beraters entziehen konnte. Das war wirklich gut gemacht. Auch die Problematik des Schwul-seins im Fußball wurde sehr deutlich dargelegt. Die Mitspieler meiden die beiden, spielen sie nicht mehr an und versuchen sie aus dem Verein zu mobben (was ja auch bei beiden funktioniert hat). Funktionäre im Verein und Berater reden den jungen Männern ins Gewissen, dass sie natürlich grundsätzlich hinter ihnen stehen, aber nur dann, wenn sie ihre Sexualität verheimlichen. Dass Mario sich eine Alibi-Freundin zulegen soll, wurde sogar explizit vom Berater gefordert, der dann sogar noch zu besagter Freundin gegangen ist und sie dazu überredet hat, ihr ganzes Leben in Bern aufzugeben, um Mario nach Hamburg zu folgen und dort weiter das glückliche Pärchen zu mimen (ich muss nicht erwähnen, dass keiner der beiden mit dieser Konstellation glücklich war, oder?).

Das alles ist sicher ganz realistisch dargestellt und sicher auch ein Grund, warum schwule Fußballspieler so weit „in the closet“ sind, dass sie schon den Weg nach Narnia gefunden haben. Es ist aber auch eins der Probleme, die ich mit dem Film habe. Denn dieser Film ist ähnlich strukturiert und dramatisch wie „Freier Fall“ allerdings ohne die Erkenntnis am Ende. Zwar hat auch „Freier Fall“ ein offenes Ende, aber wenigstens hat Marc dort am Ende erkannt, dass seine Liebe zu Kay eben doch wichtiger ist. Ich frage mich bei „Mario“, welche Message dieser Film vermitteln möchte, vor allem an Leute, die in einer ähnlichen Situation stecken. Natürlich wäre es unrealistisch gewesen, wenn beide als schwule Fußballer in ihrer Mannschaft akzeptiert werden würden und auf einem Einhorn in den Sonnenuntergang reiten. Trotzdem stelle ich es mir für jemanden, der sich in den Figuren wiederfindet, deprimierend vor, diesen Film zu schauen. Jemand, der eine ähnliche Zerrissenheit wie Mario empfindet, wird durch diesen Film leider nicht dazu ermutigt, zu seinen Gefühlen zu stehen. Mario war am Ende alleine und geplagt von Schlaflosigkeit, die er in Eigenregie mit irgendwelchen Tabletten zu kurieren versucht hat.

Auch fehlt mir hier der Ansatz, eine Lanze zwischen den schwulen und hetero Fußballern brechen zu wollen. Es wurde nicht einmal versucht, wenigstens einen Hetero-Fußballer  aus dem Team zu zeigen, der Verständnis für Mario und Leon aufbringt und das Gespräch mit ihnen sucht. 

Vielleicht bin ich da etwas zu optimistisch, aber ich wünsche mir einen Film, der versucht die altbekannten Muster und Barrieren zu durchbrechen, der etwas Neues wagt und Betroffenen Hoffnung macht.


Fazit

Mario ist ein Film, der von der Struktur und Dramaturgie an „Freier Fall““erinnert, diesem aber nicht das Wasser reichen kann. 

Bewertung: 3,5/5


Eckdaten zum Film

Originaltitel: Mario | Produktionsland: Schweiz
Sprache: Deutsch | Erscheinungsjahr: 2018
Länge 119 Minuten | Altersfreigabe: FSK 18

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