Review: „Im Versteck“

Als ich das Cover sah und den Titel las, wusste ich nicht so recht, was mich erwarten wird. „Was mag wohl hinter der verschlossenen Tür des Hauses geschehen?“, fragte ich mich. „Mord und Totschlag wird es doch wohl nicht geben, da das Genre ‚Roman‘ ist. Oder doch?“

Diese und weitere Fragen schwirrten mir im Kopf herum, weshalb ich einfach zugriff und das Buch in meinen Lesestapel aufnahm. Und ich habe es nicht bereut. Denn das Buch ist abwechselnd zärtlich und brutal, emotional und unsentimental, zuversichtlich und morbide. Man ist hin und her gerissen zwischen Verständnis und Ungläubigkeit.

Im versteck

Klappentext

„Wenn wir gestorben sind, wird sich niemand an uns erinnern. Niemand wird unsere Fotos anschauen, und das, was wir nicht erzählt haben, wird nicht in ihren Köpfen fortleben. Es wird sein, als wäre das alles nie geschehen.“

Die Geschichte beginnt damit, dass Frank in seinem Gemüsebeet zusammenbricht und von seinem Lebenspartner Wendell gefunden wird. Ein diagnostizierter Schlaganfall bringt die gewohnte Welt, die die beiden sich in mühevoller Arbeit in sechzig Jahren aufgebaut haben, enorm wanken. Denn Frank hat komplett seine Lebensfreude verloren und Wendell versucht verzweifelt, ihm die restliche Zeit zu versüßen. Dabei hadert er immer wieder mit der Situation, in der sie sich zunehmend befinden. Der Anblick von Frank scheint ihn in manchen Situationen regelrecht abzustoßen. Oder vielmehr der Gedanke an das baldige Ableben seines Partners.


Meinung

First things first: Ich habe es wirklich genossen, „Im Versteck“ zu lesen und zu erfahren, wer Frank und Wendell sind und wie sie miteinander agieren. Zwar kommt das Buch sowohl umfangtechnisch als auch emotional nicht an meinen aktuellen Liebling „Ein wenig Leben“ ran. Jedoch hat es auch das Buch von Matthew Griffin geschafft, mich zu packen und für eine Weile in eine andere Welt einzutauchen.

Vor allem hat es dazu angeregt, darüber nachzudenken, was es heißt, sich verstecken zu müssen. Nicht einfach nur in einer Ausnahmesituation, sondern weil man sich komplett der Gesellschaft entzieht. Denn genau das ist es, was die Protagonisten, die seit sechzig Jahren eine Liebesbeziehung führen, die ganze Zeit über getan haben. In ihren jungen Jahren galt Homosexualität noch als etwas Anstößiges und wurde bei Entdeckung bestraft. Sie wuchsen mit diesem Umstand auf und verbuchten die allmähliche Schwulenemanzipation, aufgrund ihres mühsam aufgebauten Einsiedlertums, allerdings als eine Belastung. Meines Erachtens kann man sich nur schwer ausmalen, wie sie sich dabei gefühlt haben müssen.

Der Autor zeigt sehr deutlich, wie Frank und Wendell – in der Hauptstory bereits beide im hoch betagten Alter – noch miteinander auskommen. Vor allem da Frank, der mittlerweile schon viele Gebrechen hat, langsam aber sicher dement wird und es Wendell zunehmend schwerer fällt, ihn zu pflegen und gleichzeitig auf sich zu achten. Es tritt zeigt sich, was es heißt, so lange an der Seite eines Menschen zu bleiben. Das Buch sagt ganz klar: In einer lebenslangen Liebesbeziehung ist nicht alles eitel Sonnenschein. Vielmehr wird sie zum Drahtseilakt und zu einem ständigen Kampf: Man kocht für seinen Partner das Lieblingsessen, er verschmäht es und sorgt dafür, dass man sauer und enttäuscht ist. Und doch versucht man immer wieder, dem Partner einen Gefallen zu tun. Man fährt in ein Geschäft und kauft Früchtekuchen, weil er den zurzeit so gerne zu essen schein.

Doch gibt es auch etwas, was ich vermisst habe. So hätte ich gerne mehr über den jungen Frank und den jungen Wendell erfahren und warum sie so geworden sind, wie sie im Alter von Mitte 80 dann schlussendlich sind. Es werden fortlaufend Fragen aufgeworfen: „Ist ihr Einsiedlertum wirklich so drastisch, wie man es sich ausmalt?“, „Hat Frank hin und wieder versucht, Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen?“ oder „Wie hat Wendell die Beziehung insgesamt wahrgenommen?“ Allerdings erhält man nie eine Antwort. Man kann sich nur die starken Gefühle der beiden zusammenreimen, wenn man zum Beispiel von ihrem gemeinsamen Urlaub erfährt oder darüber liest, wie sie das erste Mal Sex haben.

Insgesamt sind die wenigen Rückblenden sehr eindrucksvoll geschrieben und mit starken Emotionen verbunden. Für mich Romantiker hingegen reicht es nicht aus, um komplett zu verstehen, warum Frank und Wendell auch noch in hohen Jahren so sehr aneinander hängen bzw. was sie zu dem Paar macht, das sie im Winter ihres Lebens abgeben.


Fazit

Das Buch ist definitiv zu empfehlen. Vor allem Leser, die auf eine Liebesgeschichte mit einem Hauch von Schauerroman stehen, werden bei „Im Versteck“ an der richtigen Adresse sein.


Fakten zum Buch

Titel: „Im Versteck“ | Autor: Matthew Griffin
Verlag; Männerschwarm Verlag, Hamburg| Erscheinungstermin: Frühjahr 2016 | Seitenzahl: 284 Seiten
ISBN: 978-3-86300-219-0| Preis: 16,00 Euro

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